[Beitrag] Wenn der Autor Allwissend ist…

Wie ihr vermutlich noch wisst, machte die „MeinKopfKino“-Blogtour vor nicht allzu langer Zeit bei mir halt. Ich schrieb einen Beitrag darüber, wie es ist, sich eine mittellange Erzählung gegenseitig vorzulesen (denn darum geht es beim Mein KopfKino“ Verlag).

Dort erwähnte ich neben den Vor- und Nachteilen des Vorlesens auch etwas Allgemeines zu den Geschichten: Mein Freund und ich empfanden die Enden der Geschichten als „offen“.

Der Autor Thomas Dellenbusch, mit dem ich schon vor und während der Tour in Kontakt stand, machte diese Feststellung stutzig. Denn er empfand die Geschichten als ganz klar „abgeschlossen“.

Darüber diskutierten wir dann am Beispiel der Erzählung „Der Weichensteller“, in welcher der Protagonist Sebastian Gruhn über eine übersinnliche Fähigkeit verfügt, mit deren Hilfe er das Versteck eines entführten Mädchens herausfinden will.

Zunächst verstand Thomas nicht, warum wir das Ende der Geschichte als offen empfanden. Für ihn war das Ende eindeutig und in sich abgeschlossen. Das ist ja auch kein Wunder, schließlich weiß er ja, wie er sich das Ende vorgestellt hatte und wie er es demzufolge auch von den Lesern verstanden wissen will.

Als ich ihm dann geschildert habe, wie das ganze aus der Sicht des Lesers verstanden werden kann, hat Thomas diesen Blickwinkel sofort verstanden und war ganz schön baff. Mit diesem Verständnis von der Geschichte hatte er nicht gerechnet, schließlich wusste er als allwissender Autor auf was er am Ende hinaus wollte.

Diese unterschiedlichen Sichten haben uns beide sehr fasziniert und genau aus diesem Grund wollten wir euch unbedingt an dieser interessanten Entdeckung teilhaben lassen.

Dazu ist es leider erforderlich, zu verraten, wovon die Geschichte im Groben handelt und wie sie endet. Hiermit ist Thomas glücklicherweise einverstanden.

Besonders spannend ist dieser Diskussionspunkt zwischen Autor und Leser natürlich für diejenigen unter Euch, die „Der Weichensteller“ selbst gelesen haben und somit eine eigene Sicht auf das Ende haben und sich nicht eins von uns beiden „aufzwingen“ lassen.

Es besteht auch die Möglichkeit, das Lesen der Geschichte nachzuholen, bevor ihr jetzt weiterlest. Das dauert auch nicht allzu lange, denn die Geschichte ist recht kurz, wodurch sie in nur einer Stunde gelesen ist. Wer die Geschichte also gerne erst selber lesen möchte, bevor Thomas und ich uns hier mit dem Ende beschäftigen, sollte das Lesen dieses Blogbeitrags  an dieser Stelle unterbrechen, erst die Geschichte lesen und dann in einer Stunde wiederkommen.

Kindle-Besitzer finden hier das eBook.

Wer keine Kindle-eBooks lesen kann, der kann sich hier für ebenfalls nur 99 Cent das Hörbuch in MP3 herunterladen.

Für alle anderen folgt jetzt die kurze Zusammenfassung mit dem verratenen Ende:

Es geht um Sebastian und seinen besten Freund Martin. Martin ist der Leiter jener polizeilichen Sonderkommission, die nach dem entführten Mädchen fahndet. Sebastian kann in einer Art Trancezustand sein Bewusstsein von seinem Körper abkoppeln und damit in seine eigene Wahrnehmung einer vergangenen Zeit springen. Sein Körper bleibt dabei ohne Bewusstsein, also bewusstlos zurück. Sebastian springt mit seinem Bewusstsein also in sein eigenes Alter Ego am Tag der Entführung zurück und kann dort die Entführung beobachten und die Täter dorthin verfolgen, wo sie das Mädchen versteckt halten. Er hat diese Sprünge schon öfter gemacht und weiß auch, wie er mit seinem Bewusstsein wieder zurück in seinen in der Gegenwart bewusstlos auf einem Sofa liegenden Körper zurückspringen kann. Der Rücksprung erfolgt immer dann, wenn in der Vergangenheit die Zeit soweit fortgeschritten ist, dass die Sekunde der ursprünglichen Abreise anbricht, oder wenn Sebastian in der Vergangenheit exakt jenen Ort aufsucht, an dem sich in der Gegenwart sein bewusstloser Körper befindet. Er muss also entweder eine Zeitparallelität oder eine Raumparallelität herstellen. Soweit der Hintergrund.

Nun also legt sich Sebastian in Martins Wohnzimmer auf das Sofa und springt an den Tag der Entführung zurück, während Martin seinen bewusstlosen Körper bewacht. Sebastian beobachtet die Entführung und verfolgt das Entführungsfahrzeug bis zu dem Haus, in dessen Keller das Mädchen versteckt gehalten wird. Dabei stellt er schockiert fest, dass sein Freund Martin der Entführer ist. Jetzt hat Sebastian ein großes Problem, denn er muss realisieren, dass sein bewusstloser Körper gerade wehrlos in der Gewalt des Verbrechers auf dessen Sofa liegt. Und dieser Verbrecher weiß, dass Sebastian auf seiner Bewusstseinsreise gerade dabei ist, die Wahrheit herauszufinden. Somit schwebt sein Körper in der Gegenwartswelt in höchster Gefahr, während sich sein Bewusstsein in der vergangenen Parallelwelt befindet. Er muss es nun schaffen, schneller die für den Rücksprung erforderliche Raumparallelität herzustellen, als Martin in der Gegenwart braucht, seine Hemmungen vor einem Mord am Körper seines ehemaligen Freundes zu verlieren. Sprich: er muss so schnell wie möglich zu dem Sofa in der Wohnung des in der Vergangenheit lebenden Martins zu kommen. Denn wenn der Martin in der Gegenwart seinen bewusstlosen Körper vorher tötet, wird Sebastians Bewusstsein in der Sekunde des Rücksprungs ebenfalls in den Tod springen, statt in seinen Körper. Also klingelt er bei dem vergangenen Martin, und als dieser die Tür öffnet, nachdem er gerade eben das entführte Mädchen in den Keller gesperrt hatte, versucht sich Sebastian an dem verdutzten Martin den Weg ins Wohnzimmer frei zu prügeln. Doch dieser überwältigt und fesselt Sebastian.

Das Ende dieser spannenden Geschichte folgt nun hier in einer wörtlichen Wiedergabe:

Martin richtete sich erschöpft auf und schloss die Haustüre. Dann öffnete er die Schublade seiner Kommode und holte ein Paar Handschellen heraus. Er drehte Sebastians Körper auf den Bauch und fesselte dessen Hände auf den Rücken. Dabei wachte Sebastian wieder auf. Schwer atmend keuchte Martin:

»Und jetzt will ich eine Erklärung.«

Sebastian sagte nichts. Martin griff ihm unter die Schultern und schleifte ihn ins Wohnzimmer.

»Ob Du willst oder nicht, wir beide werden uns jetzt unterhalten«, sagte er.

Und als er ihn anhob, um ihn auf die Couch zu legen, sagte Sebastian: »Gleich werde ich

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Zumindest, dass die Geschichte mitten im Satz endet, kann man nicht leugnen. Doch endet deswegen gleich die ganze Geschichte „offen“?

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Das sagt der Autor Thomas Dellenbusch zu diesem Ende: 

Diese Geschichte hat leider kein Happy End für den Helden. Der in der Gegenwart befindliche Entführer Martin war tatsächlich schneller als der in der Vergangenheit befindliche Sebastian und hat den bewusstlos auf der Couch liegenden Körper des Zeitreisenden getötet, bevor dessen Bewusstsein in der Vergangenheit die Couch erreichen konnte. Als jedoch in dieser Vergangenheit der dort lebende Martin Sebastian gefesselt auf die Couch legt, erzeugt er, ohne es zu wissen, die für den Rücksprung des Bewusstseins erforderliche Raumparallelität. Nur dass Sebastians Bewusstsein kein Ziel mehr hat, in das er springen kann. Und so stirbt auch sein Bewusstsein mitten im Satz. Als Autor fand ich es ganz interessant, den Leser das quasi am eigenen Leib spüren zu lassen, indem eben der letzte Satz mittendrin aufhört. Viele Leser haben mir das Feedback gegeben, sie hätten zuerst an einen Druckfehler gedacht und eine Seite weitergeblättert, bevor sie begriffen, was passiert war und dass das Ende mitten im Satz literarische Absicht war.

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Mein Freund und ich jedoch hatten eine völlig andere Sicht auf das Ende:

Thomas erschafft in seiner Geschichte mehrere Ebenen, dort Parallelwelten genannt, zwischen denen der Protagonist „springen“ kann. Der Leser befindet sich daher während der Geschichte sowohl in der „echten“, als auch in anderen Ebenen. Durch diese etlichen Ebenen wird er hierbei von einem auktorialen Erzähler geführt, der eine neutrale, allwissende Position einnimmt.

Der Protagonist befindet sich am Ende in einer dieser Parallelwelten und weiß,  sobald er das Sofa berührt, springt er wieder in die Hauptebene zurück. Doch was er nicht sicher weiß ist, ob sein Körper in der Hauptebene überhaupt noch lebt. Springt er nun also zurück,  wird er entweder in seinen Körper zurückkehren und weiterleben oder für immer tot sein.

Der letzte Satz der Geschichte bricht, wie ihr nun wisst, mitten im Satz ab, während der Protagonist das Sofa berührt.

Anstatt, dass der auktoriale Erzähler dem Protagonisten zurück in die andere Welt beziehungsweise ins „Jenseits“ folgt, verharrt er in der Parallelwelt.

Während der allwissende Autor seinen Blick auf alle Ebenen richten kann, bleibt dem Leser nur der des Erzählers. Da dieser nun einmal in der Parallelwelt verharrt ist, bleibt auch dem Leser nichts anderes übrig. Durch diese Ursache erhält der Leser keinerlei Informationen mehr darüber, was mit dem armen Protagonisten wirklich passiert. Das Ende bleibt für den ahnungslosen Leser „offen“.

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Wie ihr seht, nehmen Autor und Leser häufig unterschiedliche Perspektiven ein. Denn der Autor ist als Schöpfer Allwissend, der Leser muss sich mit dem Begnügen, was der Autor ihm bereit ist, mittels des Erzählers, zu liefern.

Das kann sowohl Segen, als auch Fluch sein. Es macht die Geschichte noch vielfältiger, weil jeder seine eigene Sicht auf die Geschichte haben kann und dennoch könnte in Extremfällen ein falscher Eindruck beim Leser hinterlassen werden, der so vom Autor nicht gewollt war. Genauso war es in unserem Fall, die hervorgerufene Wirkung bei meinem Freund und mir, war keineswegs von Thomas beabsichtigt gewesen. Im Gegenteil.

Sowohl Thomas, als auch ich, fanden diese Entdeckung sehr interessant und wollten sie euch daher nicht vorenthalten. Nun aber wollen wir eure Meinung dazu wissen!

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Hattet ihr schon einmal das Gefühl eine Geschichte völlig anders zu verstehen, als vom Autor bedacht?

Hat sich euer Verständnis zu einer bestimmten Geschichte schon von denen anderer unterschieden?

Habt ihr lieber abgeschlossene Enden mit einem endgültigen Ausgang oder offene Enden, bei denen ihr eurer Kreativität freien Lauf lassen könnt und euch so selbst das Ende überlegen könnt?

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